Donnerstag, 13. Februar 2014

Selbstversuch



Vorhin habe ich einen Notizblock in meinen Schubladen gesucht. Einen simplen Notizblock zum Schreiben und Blättern, mit dünnen linierten, beidseitig beschreibbaren Papierseiten. Ein barbarisches Relikt aus einem analogen Zeitalter, in dem händische Verrichtungen die Regel waren und Informationen auf Papier gespeichert wurden. Wie zu erwarten, habe ich keinen Notizblock mehr gefunden und nehme mir ein leeres Blatt vom Stapel mit dem Druckerpapier.
Ich habe schon lange nichts mehr eigenhändig mit einem Kugelschreiber, Stift oder Füller geschrieben. Eine halbe Ewigkeit habe ich keinen handschriftlichen Text mehr verfasst, geschweige denn mit Tinte auf Papier fixiert. Es muss schon 10 oder eher 20 Jahre her sein, dass ich irgendetwas, einen Text, einen Brief oder einen Lebenslauf mit der Hand geschrieben habe. Wenn ich nicht gelegentlich mal behördliche oder geschäftliche Schreiben eigenhändig unterzeichnen müsste, könnte ich wohl gar nicht mehr mit Stift oder Kuli umgehen. Daher liegt mein schöner griffiger Kugelschreiber, der übrigens ein Geschenk von einem guten Freund war, seit Jahren nur untätig auf meinem staubigen Schreibtisch herum und hofft inständig auf einen längeren sinnvollen Einsatz. Einfach mal wieder auf die altmodische Weise schreiben, die Gedanken fließen lassen und in altmodische Schreibschrift gießen, dieser seltsame Wunsch überkam mich heute irgendwann beim Joggen... Absurd? Weiß auch nicht, wieso. Ich hatte mir vorgenommen, diesen Beitrag mit der Hand auf Papier zu schreiben, habe aber schon nach den ersten Sätzen aufgegeben.



Es fühlt sich vorerst ungewohnt an. Ich sehe, dass ich, ohne es zu merken, bis auf wenige zusammenhängende Zeichen fast nur noch Druckbuchstaben aufs Papier bringe. Ordentliche Schreibschrift scheine ich völlig verlernt zu haben. Ich war schon immer ein Grobmotoriker, aber jetzt fühle ich mich wie ein Affe mit einem Griffel in der Pfote. Verflixt, ich kann nur Druckschrift! Schlampig fabrizierte Buchstabensuppe...
Interessant auch, dass ich automatisch „daß“ statt „dass“ schreibe. Erstere Variante ist anscheinend noch fest in meinem motorischen Gedächtnis gespeichert. Das „ß“ schreibt sich auch viel flüssiger und schwungvoller als die abgehackten Kringel „ss“. Für das ß muss man nicht einmal den Stift absetzen! Geniale Erfindung; die alte Schreibweise hätte man besser beibehalten sollen.
Ich hatte nie eine besonders gute Handschrift, die sich ja auch im Verlauf meines Lebens verändert hat. Mir gefiel sie eigentlich nie besonders, und meine Lehrerinnen in der Grundschule waren auch nicht begeistert, soweit ich mich erinnere. Ein Handschriftenexperte kann angeblich den Charakter eines Menschen anhand seiner Schrift bestimmen, so sagte man jedenfalls früher. Ob man anhand meiner verstümmelten Semi-Druckschrift auch noch ein psychologisches Profil erstellen kann?
Ich habe mich mittlerweile so sehr daran gewöhnt, jegliche Texte, jede Mitteilung, jede Notiz, mag sie noch so unbedeutend sein, mit dem Computer oder Laptop zu schreiben, dass mir die Vorstellung, alles mit der Hand zu schreiben, schon ziemlich antiquiert vorkommt. Dabei ist das analoge Schreibzeitalter eigentlich erst in den 80er Jahren allmählich zu Ende gegangen.
Anfang der 90er Jahre setzte eine zunächst willkommene, aber letztlich fatale Entwicklung ein. Personalcomputer wurden zu günstigen Preisen auf den Markt geworfen, allgemein verfügbar und erschwinglich für jedermann. Damit fing alles an. Irgendwann übernahm dann Skynet die Kontrolle, der hochmoderne Abwehrnetzcomputer von Cyberdyne Systems. Das Unheil nahm seinen Lauf, und niemand konnte es aufhalten. Skynet hatte ein eigenes Bewusstsein entwickelt und begann damit, Menschen zu unselbständigen Drohnen umzuerziehen. Jetzt haben wir den Salat. Aber was soll ich groß erzählen. Ihr habt es selbst erlebt…

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