Freitag, 16. Mai 2014

Das Buch, das ich aus dem Fenster schmiss und vergaß

Ein Autor wird erfolgreich, wenn er den Geschmack der Massen trifft, also nicht nur von Literaturkritikern lobend erwähnt oder gar hochgeschrieben, sondern auch von einer nennenswerten Zahl von Lesern wahrgenommen und dann gekauft wird. Empfehlungen wecken Neugier, regen zu Käufen und weiteren Empfehlungen an. Man denkt halt vielleicht unbewusst: „Eh, was so viele Leute gut finden und ständig in den Medien erwähnt wird, muss wohl irgendwie auch spitzenmäßig gut sein. Tausende und Abertausende Leser können doch nicht irren.“ Wenn aufgrund dieses Multiplikationseffekts die Lawine des Erfolgs erstmal angelaufen ist, hält sie niemand mehr auf. Klar, jeder empfindet irgendwie anders. Dennoch verspürt man doch unbewusst oft eine gewisse Hemmung, sich der Mehrheitsmeinung entgegenzustellen und eine völlig gegensätzliche Einschätzung zu äußern. Stimmt's oder hab ich Recht?
Selten wurde mir aber mein eigenes „Anderssein“ so deutlich vor Augen geführt wie bei der Lektüre des schwedischen Bestsellers über einen "Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand".
Kann es sein, dass die mehrheitliche Leserschaft an Geschmacksverirrung leidet, oder bin ich das Problem? Stimmt irgendwas nicht mit mir? (effektvolles „Mimimi“ hinzudenken, was ich aus Zeitgründen jetzt weggelassen habe.) Fühle, empfinde ich denn tatsächlich so anders als die zahlreichen begeisterten Leser, die diesem naiv-kindischen Geschreibsel fast zweitausend Fünf-Sterne-Bewertungen bei Amazon verpasst haben?

Jetzt, da ich die Story kenne, erscheint es mir unglaublich, aber es lässt sich nicht leugnen:
Dieses Buch, in dem die freilich fiktive Lebensgeschichte eines alten Narren und Säufers aus einem schwedischen Provinznest erzählt wird, der in biblischem Alter noch einmal eine kriminelle Diebes- und Sauftour startet, wurde doch tatsächlich ein be- und umjubelter Bestseller, der allerorten als gelungener „Schelmenroman“ gelobt wird. Die Rezensenten überschlugen sich geradezu in ihren Lobpreisungen. Verfilmt wurde er auch schon oder? Na gut, als Film mag es aufgrund einer verdichteten Handlung und explosiver Action-Effekte (man kann es ja richtig krachen lassen) sogar gut funktionieren, geb ich ja zu, aber bezogen auf die geschriebene Vorlage kann ich diese Begeisterung nicht nachvollziehen. Für mich war dieses Buch eine echte, ausgewachsene Enttäuschung.
Ich habe es letztlich auch nicht bis zum Schluss gelesen, obwohl meine Wenigkeit mehrmals neu angesetzt und immer wieder gehofft hat, diese Story möge doch endlich etwas Tiefgang entwickeln.
Nur etwa 200 Seiten habe ich wacker durchgehalten, bevor ich letzte Nacht an der Stelle, wo das Saufgelage mit Stalin und Berija beschrieben wird, dann endgültig die Segel strich und mich in Morpheus' Obhut begab.
Die in zwei Erzählsträngen aufgebaute Handlung hatte ja vom Ansatz durchaus einen gewissen Charme, wird aber sehr schnell durchschaubar bzw. vorhersehbar und ist daher auch für jeden halbwegs gebildeten Menschen, der selbst einigermaßen geschichtlich interessiert ist und sich nicht gern ein X für ein U vormachen lässt, zum Gähnen langweilig und ärgerlich. Nachdem man mitbekommen hat, dass der alte schwedische Suffkopp und kriminelle Dorfdepp als eine idealisierte europäische Version von Forrest Gump verkauft werden soll, jedoch ohne patriotischen Geist und identitätsstiftenden Pathos des US-amerikanischen Originals, mit denen man den modernen Europäer naturgemäß nicht belasten möchte, wirkt es einfach nur wie ein billiger Abklatsch, eine respektlose Verballhornung geschichtlicher Ereignisse, sponsored by Wikipedia.
Nee, nee, schwedischer Autor, Jonas Karlsson oder Allan Jonasson, wer auch immer du sein magst, mich hast du nicht überzeugt. Das war nichts, und das wird auch nichts mehr. Auch wenn du gleich einen Bestseller nachgeschoben hast, mit der Analphabetin, die rechnen konnte, was angesichts des enormen Erfolgs verständlich ist. Aber wenn als Nächstes die Geschichte vom Autisten folgt, der gut schwimmen konnte oder vom schwulen Messie, der Diktator eines Karibikstaates wurde, was dann?
Die Charaktere bleiben samt und sonders so flach und farblos, dass es förmlich wehtut.
Die Erzählweise und die ganze Sprache, meist in indirekter Rede gehalten, ist so dröge, dass sie einem Kinderbuch angemessen wäre.
Der olle Karlsson, der Protagonist wirkt auch äußerst unsympathisch. Mal ehrlich, ein alter selbstgerechter Säufer, Lügner, Dieb, Mörder, Bombenbauer, der zeitlebens ein egozentrischer naiver apolitischer Opportunist war, dem die Folgen seines Tuns offenbar schnuppe waren. Angeblich fanden dies viele Leser so witzig, dass sie sich vor Lachen ausgeschüttet haben, in ihrem Keller. Schon seltsam, aber mir war die ganze Story einfach zu plump und primitiv. Es war einfach nicht mein Ding. Forrest Gump als Film wohlgemerkt war originell und meisterhaft erzählt, dieses schwedische populärliterarische Forrest-Gump-Derivat in naiv-dümmlicher Sprache ist langweilig und unsinnig. Der andere Erzählstrang im Stile eines Roadmovies ist auch nicht besser... gähn.
Schade war’s jedenfalls. Zum Glück hab ich das nahezu ungelesene Buch gleich wieder bei ebay verkaufen können. Natürlich hab ich’s nicht aus dem Fenster geworfen, wie man sich vorstellen kann, was? Ganz so unbeherrscht bin ich dann doch nicht. Wär ja auch schade ums Geld, was in meinem Falle sauer genug verdient war. Ich glaub so fünf Euro fuffzig habe ich noch dafür bekommen, abzüglich ebay-Provision. Na ja, diese Enttäuschung wollte ich halt mal mit euch teilen, auch wenn ich mir der traurigen Tatsache bewusst bin, dass mich alle Fans dieses Autors jetzt aufs Gröbste verfluchen, sich empört von diesem Blog abwenden und möglicherweise nie zu dieser Seite zurückkehren werden. So grausam kann das Leben abseits des Mainstreams manchmal sein…

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